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Beschleunigte Entschleunigung – höher, schneller, weiter!

Entschleunigung bedeutet kurz gefasst:
In einer kurzen Zeit zu sich selber zu finden. Die Beschleunigung zu stoppen und nichts zu „müssen“. Langsam werden und sich keinen Zwängen oder Tun auszusetzen.

 

Der Begriff Entschleunigung ist mutiert

Entschleunigung, ein toller Begriff der seit Längeren durch die Medien geistert und missbraucht wird, bzw. dessen Sinn völlig umformuliert wurde. Man findet tausende Tipps zur Entschleunigung und wie ich meinen Alltag besser strukturiere.
Eine sehr nette Angelegenheit und einige Tipps sind tatsächlich wertvoll.
Unter anderen:
Sich Kulinarisches oder ein Homespa gönnen, Me Time einrichten, spazieren gehen, Urlaub nehmen, Kurztripps planen und durchführen, Sport oder Powernapping.
Sicherlich Dinge, die wir auch alle in unserem straffen Zeitplan einbauen und auch verwirklichen können.
Aber sind wir doch mal ehrlich, ist das Wort nicht ebenso ein Hype wie Superfood und Detox, mit dem sich das natürlich sofort prima verbinden lässt? Quasi unterm Strich wieder ein „Hype“ dem jeder nachjagt?
Die Industrie verkauft uns Produkte, die auch in diesem Begriff wieder greifen: wir beschleunigen die Entschleunigung.

entschleunigung

 

Entschleunigung als Hype?

Wir versuchen zur Ruhe zu kommen und all die Tipps, die wir im www lesen umzusetzen. Kochen uns den Kakao, legen uns auf die Couch und lesen ein gutes Buch.
Wir melden uns zu Yoga Kursen an und kaufen uns den teuersten Smoothie für unsere Me Time, denn das fühlt sich richtig an. Das darf es auch und tut unserer Seele und dem Körper auch gut! Nur zu dumm, dass wir nicht so schlanke Beine haben oder den teuersten Mantel ausführen, unser Wohnzimmer nicht aufgeräumt ist und das Bad keinesfalls glänzt, wie bei die Menschen auf den tollen Illustrationen auf Blogs, Instagram und Co. zu sehen sind. Frustrierend oder?
Vielleicht sollten wir doch lieber das goldene Tiegelchen von Douglas nutzen oder Champagner statt Sekt in unserer wertvollen Freizeit trinken? Somit könnten wir zumindest ansatzweise mitglänzen!
Oder wir kaufen den Buchtipp: „Entschleunigung leicht gemacht“ und das Gefühl, etwas für sich getan zu haben steigt noch mehr!
Kurzerhand buchen wir uns noch in eines der teuren Wellnesshotels ein um den Tipp aus dem Buch zu befolgen. Diese Spaschlösser machen auf jeden Fall ein dickes Plus aus diesem neuen Begriff! Aber hey, jemand muss ja davon profitieren oder?

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Wellnesshotel der Gipfel aller Entschleunigungen?

Richtig so! In den kleinen Nischen der Spa´s holen wir dann ganz überzeugt unser Buch aus der Badetasche, tragen dabei den Dior Bademantel und atmen tief durch. Etwas Schwitzen in der Sauna, eine Runde schwimmen, den kostenlosen Apfel in den Mund stopfen, denn das zählt zum Superfood und dann ab in die erste Wellnessbehandlung.
Natürlich buchen wir die Creme de la Creme- ein Ganzkörperpeeling mit anschließender Massage.
Wir springen in das viel zu große Einmalhöschen, das uns an die letzte Darmspiegelung erinnert und lassen uns die alte Haut vom Körper rubbeln während seichte Musik im Hintergrund spielt. Nach der kurzen Dusche geht es zurück auf die Liege und die Dame wetzt schon ihre kalten Hände. Ein tiefer Griff in den Massagecremepott, auf dem in goldenen Ziffern La Prairie steht, und los geht es.
Wir erinnern uns an die Bekannte die auch mal in einem dieser Spas arbeitete und berichtete, was zum Teil in diesem Pötten wirklich enthalten ist, versuchen den Gedanken beiseite zu schieben und zu genießen.
Ob die Kosmetikerin die Cellulite wohl sieht und anschließend ihren Kollegen davon erzählt? Ruhe Gehirn, ich muss abschalten, sagen wir uns.
Die Creme ist so dick aufgetragen, dass sich der Körper anfühlt wie eine einzige Fettschwarte.
Nach der Behandlung springen wir also gleich unter die Dusche auf dem toll eingerichteten Zimmer und hoffen das klebrige Zeugs von der Haut zu bekommen.
Frisch geduscht und wie neu legen wir uns auf das Bett und suchen erneut die Entspannung. Vielleicht läuft ja was Gutes im TV?
Ob deine Freundinnen wohl heute ein paar Bier genießen, im neu eröffneten Pub?
Quatsch, keiner hat es gerade so gut wie ich, sagen wir uns. Außerdem gibt es gleich noch das tolle 4 Gänge Menü!
Nach dem Essen wünschen wir uns doch in Steakhouse eingekehrt zu sein. Die Wachteleier bis hin zum handtellergroßen Fischfilet machten nicht wirklich satt. Außerdem müssen wir zwischen all den Anzug- und Abendkleidern bekleideten Menschen sitzen und zwängen uns selber in die extra gekaufte feine Abendgardarobe- welche ein Zwang.
Noch eine Nacht im Hotel und dann ist es endlich geschafft!

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Entschleunigung ohne Spa und Luxus?

Es war einen Versuch Wert- dieses Wellness Zeugs. Wir haben entschieden: Back to the roots!
Entschleunigung, so stellen wir fest, muss nicht teuer sein!
So genießen wir am kommenden Wochenende einen Spaziergang durch den Wald, an der frischen sauberen Luft, anstatt in diesem Spa rum zu liegen. Die reine Natur ist doch das Beste jeglicher Entschleunigungsmethoden überhaupt, oder etwas nicht?
Eine heiße Badewanne und hinterher eine Bodylotion die schnell einzieht. Keiner der auf meine Dellen achtet und nichts klebt!
Ein gutes Steak und dann noch ein Bier mit Freunden- einfach wunderbar, kostengünstig und die beste Entschleunigung die ich mir persönlich vorstellen kann.

 

Entschleunigung- geht das wirklich? Back to the roots

Eigentlich, und leider ist das wohl wahr, zeigt mir jeder Chef einen Vogel, wenn ich die Work-Life-Ballance anspreche. Immerhin werde ich für meinen Job bezahlt und da gibt es nichts zu entschleunigen. Tempo, Qualität und Leistung ist gefragt. Zumeist so hoch angesetzt, dass man auch von zu Hause aus arbeitet um das Pensum zu schaffen. Da hilft auch der Kakao neben dem PC nichts mehr. Kinder, Familie und andere Verpflichtungen sollte nachgegangen werden. Es bleibt kaum mehr Zeit für die so genannte verenglichte Variante: Me Time.
So ziehe ich zumindest mein Fazit:
Meine eigene Entschleunigung finde und fand ich schon immer in Dingen die mir Freude bereiten. Es muss kein Glamour, kein Luxus oder Spa sein. Ein Pub Besuch mit Freunden, ein Bier oder ein Spaziergang im Wald- eben das, was die Menschen seit Jahrhunderten tun um das Glücksgefühl zu erlangen, reicht schon völlig aus.
Oder eben back to roots und somit zurück zur eigentlichen Erklärung des Begriffs:
Bewusster und langsamer Dinge erleben.

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Wie entschleunigt ihr?
Könnt ihr euch in Wellnesseinrichtungen entspannen?
Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, dass auch hier die Industrie Produkte erfindet, die uns das Entschleunigen beschleunigen?

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26 Kommentare zu “Beschleunigte Entschleunigung – höher, schneller, weiter!

  1. Du hast mit Deinen Zeilen für Schmunzeln gesorgt. Ich habe mir gestern im Bastelladen für ein paar Euro Buchstaenperlen gekauft und mir unter anderem ein „Entschleunigung“-Armband gebastelt, das ich nun neben meiner Uhr trage. Es erinnert mich ans Inne halten und das Basteln selbst war für mich „Me Time“. Ich brauche also keine teuren Wellnesseinrichtungen oder Luxusprodukte. Deine Perspektive finde ich aber spannend und kam mir so noch gar nicht in den Sinn. Ich werde in den nächsten Tagen mal auf Entdeckungstour gehen und schauen wo und was mir zu dem Thema so verkauft werden möchte 😉
    Lieben Gruß
    Viola | http://www.violawundervoll.net

    1. Liebe Viola,
      ich finde es gut, dass du dir selber Ziele setzt und dich durch ein Armband daran erinnerst. Entschleunigung soll auch me time sein oder sich dabei „Güter“ dazuzuholen.
      Ich wünsche dir das Allerbeste.
      Liebe Grüße!

  2. Meine Entschleunigung ist mein Garten, ich entspanne und genieße einfach die Ruhe bei der Gartenarbeit. Auch wenn es im Winter wenig zu tun gibt, entspanne ich prima beim Füttern der Vögel. LG Romy

  3. Ohja finde die Geschenke auch alle so schön <3 Kann ich alle gut gebrauchen 😀

    Ein sehr toller Post =) Man sollte echt öfters entschleunigen, aber meistens klappt das nicht so ganz. Aber momentan versuche ich zumindest Sonntags immer zu Baden, das hilft schon ein wenig =)
    Liebe Grüße zurück

  4. So ein schöner Beitrag 🙂 Ich muss auch nicht unbedingt in ein Spa oder ähnliches, manchmal tut es einfach gut es sich auf der Couch gemütlich zu machen oder raus in die Natur zu gehen 🙂

    Liebe Grüße
    Laura von Lauras Journal

  5. Liebe Jenny, was für ein wunderbarer Beitrag, der so richtig zum Nachdenken anregt. Mal zu überlegen, wo wir unter ständigem Druck stehen, wo wir Entschleunigung brauchen, wo wir sie finden und wie wir sie für uns am besten gestalten. Wenn jedoch Entschleunigung durch den aktuellen Trend bestimmten Anforderungen unterliegt, dann wird aus der Entspannung ein „Muss“ und ein Abschalten wird nicht möglich. Der eine genießt es ein Buch zu lesen, der andere liebt einen Spaziergang durch den Wald, der nächste genießt eine Massage, ein anderer einen Plausch mit lieben Menschen. Wir Menschen sind doch in unseren Eigenschaften und Wünschen unterschiedlich und so auch in diesem Punkt – was für den einen Entschleunigung und Abschalten bedeutet, ist für einen anderen Druck. So muss jeder seinen eigenen Weg finden.
    Hab ein ganz wunderbares Wochenende und alles, alles Liebe

  6. Ich entschleunige beim Sport. Wenn ich mich so richtig auspower dann wird der Kopf frei und ich kann abschalten. Ansonsten male ich super gerne Mandalas für Erwachsene aus und höre dabei entspannende Musik.
    Viele Grüße,
    Laura

  7. Ich hätte auf jeden Fall auch mal Lust auf den Besuch eines Wellnesshotels, aber mit kleinem Kind ist das wohl eher schwierig…
    So muss ich lernen, während des Mittagsschläfchens von Max mal zu entspannen und nicht den Haushalt zu erledigen.

    Liebe Grüße
    Erdbeerchens Testwelt

  8. Oh, so eine Geschichte hatte ich vor kurzem im Bekanntenkreis – eine Bekannte ist eine Weile regelmäßig zum Yoga gegangen, weil ihr das sehr gut tat und sie dabei zur Ruhe kam. Ihr Mann kann mit Yoga nichts anfangen, also schlug er vor, dass sie stattdessen gemeinsam zur Meditation gehen. Das findet sie zwar auch okay, aber bei weitem nicht so gut wie Yoga… und somit ist der Sinn der Übung natürlich verfehlt. Ich denke, entschleunigen kann man nur, wenn man auf sich hört, und auf das, was einem selber gut tut, ohne auf die Erwartungen anderer zu achten oder bestimmte Trends zu verfolgen. Wenn mich ein Bier mit Freunden mehr entspannt als ein Wochenende im Spa-Tempel, dann werde ich genau dabei bleiben – Recht hast du!
    Grüße
    Nessa
    https://ichdupasst.blog

  9. Du hast da vollkommen Recht. Ich brauche kein Wellness-Hotel, viel wichtiger finde ich die kleinen Auszeiten zuhause oder auch beim Spaziergang. Von einem WE im Hotel erhole ich mich nicht, das ist im Grunde auch nur Stress mit Packen, Hinfahren, Zurück usw. Dann lieber öfters mal kleine oder auch längere Momente geniessen, damit fahre ich am Besten.
    LG Susanne

  10. Liebe Jenny,
    als damals der Trend aufgekommen ist konnte ich von diesen Wellness-Hotels gar nicht genug bekommen. Bis sie immer überfüllter wurden. Darum fahren wir gerne in Hütten wo wir wirklich nur zu Zweit sind. Keine Stoßzeiten beim Abendessen, alleine die Sauna genießen 🙂 Aber auch zu Hause gibt mir ein Waldspaziergang soviel Kraft!
    LG Natascha
    http://www.champagnerzumfruehstueck.com

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