Lebensnah

Ich liebe Dich – Sagen wir es zu selten?

Ich liebe Dich – Sagen wir es zu selten?

Plötzlich ist ein Mensch nicht mehr da, ein Mensch, dem du nicht gesagt hast, dass du ihn liebst. Ein Mensch, der dir wichtig war, ein Mensch den du für immer vermissen wirst.
Er ist weg- du kannst ihm nicht mehr sagen, wie viel er dir bedeutete. Es ist zu spät.

Ein Gefühl was sie bisher nicht kannte

Der Abend, an dem sie ihre Familie besuchte fand seinen Ausklang. Sie stieg in ihr Auto, startete den Motor und schaute durch die Windschutzscheibe in den Himmel. Sterne leuchteten hell und der Mond zauberte einen Schatten auf das Haus ihrer Familie. Plötzlich traf es sie, der Stich im Herzen, die Sehnsucht, das Gefühl was sie bisher nicht kannte.

If tomorrow never comes

Sie legte den Gang ein und fuhr nach Hause. Die Straßen waren lehr und das Radio spielte: „If tomorrow never comes“. Wieder machte sich der Stich in ihrem Herzen breit.
Der Weg vom Parkplatz nach Hause war beleuchtet von Straßenlaternen. Hinter ihnen rauschte der Wald, den der Mond beschien. Ihr Schatten wurde länger, kürzer, sie lief und hörte ihre eigenen Schritte. Das Gefühl der Sehnsucht wurde größer, die Stiche in ihrem Herzen schienen sich tiefer zu graben.
Sie summte den Song von Ronan Keating: “Who never knew how much I loved them…”.

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Plötzlich wusste sie es…

sie wusste woher die Sehnsucht in ihr kam, sie wusste, warum sie ihren Herzschlag hörte. Die Sterne so klein, so weit entfernt, der Mond so hell, dass er ihren Schatten bei jedem Schritt änderte.
Sie sprach es aus: „Ich liebe Dich“! Ja, ich liebe dich! Von ganzem Herzen, mit Leib und Seele und das muss ich dir sagen!

Die Nacht war lang, ihre Augen streiften durch das Zimmer und sie fragte sich: Was ist, wenn morgen nicht morgen ist, wenn morgen nicht mehr sein wird und ich habe es nicht gesagt.
Ich habe es nicht gesagt, weil der Klos in meinem Hals zu tief steckt, weil es mir den Atem nimmt, weil ich mir doch sicher bin, dass sie es wissen. Sie wissen, dass ich sie liebe!

Sehnsucht – sie wollte es sagen

Kleine Sonnenstrahlen weckten sie. Sie sprang aus dem Bett, zog sich an, lief zum Auto, startete den Motor. Durch die Windschutzscheibe strahlte die Sonne. Die Straßen waren voller Leben.
Angekommen beim Haus ihrer Familie merkte sie es erneut, das Gefühl der Sehnsucht, die Stiche im Herzen. Ihr Kopf summte „If tomorrow never comes“.

Sie klingelte. Der Klos im Hals wurde größer. Nervös tippte sie von einem Bein auf das Andere. Ein kleines Mädchen,  öffnete die Tür und sprang ihr in die Arme, küsste sie auf die Wange, nahm ihre Hand.
Sie war angekommen, ihre Hände schweißgebadet und stammelte:
„ Eigentlich gibt es keinen Grund meines Besuches, doch eigentlich schon“. Ihre Mutter drehte sich von ihrem Schreibtisch zu ihr um, stand auf, umarmte sie, nahm ihre Hand und fragte: „Alles okay bei dir?“.

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Dieser elende Klos im Hals!

Warum brachte sie es nicht über die Lippen! Unzählige Male schrieb sie diese Worte an ihre Familie, in Briefen, in Nachrichten. Warum konnte sie es nicht sagen?
Und dann platze es heraus. „Ich liebe euch, das wollte ich euch sagen!“
Jetzt war es raus. Die Stiche ihrem Herzen waren urplötzlich verschwunden, die Sehnsucht war Vergangenheit.
Ihre Familie sah sie an und erwiderte: „Das wissen wir doch, wir lieben dich auch!“

Sie hatte es gesagt und eigentlich war es gar nicht so schwer. Doch es musste gesagt werden. Ausgesprochen, in Worten, nicht in Schrift. Erleichtert, schon fast den Tränen nah, etwas beschämt über sich selber sank sie auf das Sofa und war so glücklich wie noch nie.

 


Diesen Beitrag schrieb ich zum Projekt .txt mit dem Wort für den Juni „selten“ .
Einmal pro Monat wird ein Wort vorgegeben zu dem alle die möchten etwas schreiben können.

Ältere Beiträge zum Projekt .txt
Du hast mich berührt Teil 1
Nächtelang Teil 2
Kitsch Teil 3
Neuanfang Teil 4
Unendlich Teil 5
Hoffnungsschimmer Teil 6
Mischen Teil 7
Grenzenlos Teil 8

Splitter
Glück

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40 Kommentare zu “Ich liebe Dich – Sagen wir es zu selten?

  1. Sehr schön!!
    Sehr wahr!!!
    Schreiben ist einfach….aussprechen schwierig. Nie im Streit auseinandergehen. Oft eine Kunst….

  2. Dankeschön finden Mama und ich auch =)

    Ein wirklich schöner Post =)
    Wir sagen den Menschen wirklich viel zu selten was sie uns bedeuten. Ich versuche mich immer zu verabschieden wenn andere oder ich irgendwohin unterwegs sind, damit man sich nochmal knuddeln und so kann 😀
    Liebe Grüße

  3. Wunderschön geschrieben! Wir sagen die drei Worte definitiv viel zu selten, allerdings sollten wir damit auch nicht um uns werfen wie ich finde.
    Wir sollten den uns wichtigen Menschen einfach regelmäßig sagen und vor allem zeigen wie wichtig sie uns sind. Es kann sich immer von einen auf den anderen Tag etwas ändern.
    Viele Grüße,
    Laura

  4. Das war wieder wunderbar geschrieben und ist so wahr, so unendlich wahr! Es schmerzt ungemein, wenn man diese Worte nicht mehr zu jener Person sagen kann, für die man diese Gefühle hegt(e).
    Übrigens ganz zauberhafte Fotos!
    Liebe Grüße an dich!

  5. Wow, was für ein Beitrag – liebe Jenny, das hast du ganz wunderbar geschrieben und damit auch gleich ein Thema aufgegriffen, das in der heutigen Zeit meines Erachtens immer wichtiger wird. Da werden schnell mal Nachrichten am Smartphone versendet, da werden Likes gesetzt, aber so richtig von Mensch zu Mensch diese Worte aussprechen, das ist dann schon eine andere Sache. Ich denke, es gibt keinen, der über so eine Aussage nicht freut; auch wenn er es implizit weiß, dann hat das gesprochene Wort doch noch eine besondere Bedeutung. Wir sollten uns da wirklich alle mal an der Nase nehmen und dies zumindest teilweise umsetzen. Danke fürs Erinnern und Hinweisen.
    Ich wünsche dir einen wunderschönen Abend und alles Liebe

  6. Wieder ein Text von dir, wie schön – die lese ich echt am allerliebsten 🙂
    Und du hast wirklich recht: schreiben ist so einfach, von Angesicht zu Angesicht aussprechen manchmal so schwer. Ich neige auch dazu, unangenehme Dinge lieber schriftlich zu formulieren… auch wenn das wirklich keine tolle Angewohnheit ist! Und in der Situation, die du beschreibst, habe ich mich auch schon mal befunden. Ein guter Freund von mir ist unerwartet gestorben: ein toller, herzensguter Mensch, der die Welt wirklich zu einem besseren Ort gemacht hat. Leider habe ich ihm das nie gesagt, und das wurmt mich immer noch ein wenig…
    Grüße
    Nessa
    https://ichdupasst.blog

    1. Das tut mir leid zu lesen, aber ich bin mir sicher, er wusste, dass du so denkst!!!
      Ich finde es total wichtig Menschen zu sagen was ich empfinde, aber manchmal bin ich da wirklich feige.
      Liebe Grüße!

  7. Leider kommen einem böse Worte einfacher über die Lippen, wie ein paar liebe Worte. Warum ist das nur? Darüber sollte man wirklich viel öfters nachdenken.
    Liebe Grüße
    Susanne

  8. So toll geschrieben Liebes! Ich sage es definitiv zu selten und wie schnell kann alles vorbei sein. Das musste ich auch schon schmerzlich feststellen. Danke für den Gedankenanstoß! LG Chris

  9. Ganz oft habe ich dieses Gefühl, dass es irgendwann zu spät sein könnte, wenn mein Mann mich morgens mit dem Auto hier am Büro absetzt. Deswegen sagen wir uns ganz oft genau dann, dass wir uns lieben. Offenbar ist ihm dieses Gefühl auch nicht fremd!

    So schön geschrieben!

    Liebe Grüße
    Bine

  10. Liebe Jenny,

    dieser Beitrag ist einfach typisch für dich. Du bringst die Gefühle immer so gut rüber. Ich sage oft meinen Lieben, wie gern ich sie habe. Hier muss ich aber das richtige Mittelmaß finden. Sagt man es zu oft, hört der Andere gar nicht mehr hin. Es muss immer etwas Besonderes bleiben, ich habe dich lieb, zu sagen.

    Hdl Sabine

  11. Ein wunderschöner Text. Manchmal ist es einfach zu spät und daraus zu lernen, hilft. Es sind schon Menschen von mir gegangen, bei denen ich nicht wusste, ob sie mich wirklich geliebt habe. Es wäre gut gewesen, das zu wissen. Daraus habe ich gelernt, mit den Worten nicht so geizig zu sein.

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