Lebensnah

Unendlich

Du kannst mich mal, dachte sie, auch wenn ihr Herz etwas anderes rief.
Der Verstand musste siegen, sie musste siegen, über sich selbst. Er… wird kein Teil des Kampfes, er wird kein Teil ihres Lebens. Das stand nun fest.

Fortsetzung Teil 5

Ein Neuanfang der sich wohl anders gestalten würde als sie dachte. Ganz anders, unerwartet.

Was geschehen war?
Zufall oder auch nicht. Sie wollte Zeit mit ihren Freunden verbringen, vergessen, neu anfangen.
Das Kleid für die anstehende Party lag schon bereit, doch aus irgendeinem Grund entschloss sich zu Hause zu bleiben. Der Schmerz über ihre eigene Entscheidung zum Neuanfang war doch größer, als der Drang zu vergessen.
Wieder einmal saß sie auf der Couch und starrte auf das nichts sagende Fernsehprogramm.
Ein Pingen schreckte sie auf. Ihr Handy meldete eine Nachricht. Es war noch früh am Abend.
Haben ihre Freundinnen nicht verstanden, dass sie lieber zu Hause bleiben wollte?
Genervt schaute sie auf die Nachricht und stellte verwundert fest, dass er es war, der ihr schrieb.
Ihre Hände zitterten als sie zu lesen begann. Er war ganz in ihrer Nähe und bat indirekt um Gesellschaft.
Neuanfang- Blödsinn- natürlich schien es nie ein Ende zu nehmen und ihre Entscheidung, alles zu vergessen, warf sie über Bord.

Eine unendliche Geschichte ohne einen Anfang, ohne ein Ende?
Ohne nachzudenken schmiss sie sich in das Partyoutfit, das sie bereits für den Mädelsabend herausgesucht hatte. Im Bad stand sie vor dem Spiegel, zeigte sich regelrecht den Mittelfinger und sagte zu sich selber: „Wie dumm bist du eigentlich?“ Sie verwarf jegliche Gedanken über den möglichen Ausgang des Treffens. Die Mascara aufzulegen war schon fast unmöglich, da das Zittern der Hände Überhand nahm.

Nur ein paar Meter bis zum Treffpunkt…
Ihre Knie wurden mit jedem Schritt weicher und dann… – eine Umarmung zur Begrüßung. Er roch so verdammt gut und überhaupt…, seine Augen…, ob er ihre Nervosität bemerkte. Sie brachte nicht einmal einen zusammenhängenden Satz zu Stande. Zum Glück war der Treffpunkt ein kleines Café in dem die Musik zum Abend hin lauter wurde, so konnte sie Zeit schinden, um über die Klänge zu plaudern.
Das Gespräch anfangs zäh, unbeholfen, holperig.

shadownlight


Es dauerte nicht lange bis der Dialog in die Tiefe ging.

Er war es, der das Gespräch führte und Fragen stellte.
Seinen Blicken Stand zu halten fiel ihr unendlich schwer. Eindringlich, bohrend, fragend, suchend, waren sie. Tapfer beantwortete sie seine Fragen. Die Fragen nach ihren Ängsten, ihrer Situation. Der Kampf mit sich selber lag auf der Hand.
Wie lange hatte sie auf diese Gelegenheit gewartet. Wie gerne wollte sie ihn einfach umarmen- das Verlangen nach seiner Nähe war so unendlich groß.

Nachdem sie ihm diese Email geschickt hatte,
nachdem sie nun all das gesagt hatte, was sie sagen musste, war er es, der seine Karten auf den Tisch legte.
Ungewöhnlich schnelle Worte, klar, deutlich und ehrlich, schmiss er ihr förmlich um die Ohren. Röte stieg ihr ins Gesicht. Wohin mit den Händen? Ansehen konnte sie ihn auf keinen Fall!
Er mochte sie- das und mehr sagte er frei heraus. Die Freude über seine Gefühle ihr gegenüber stieß ihr förmlich die Röte ins Gesicht.
Wollte er sie völlig aus der Bahn werfen?
Warum sagte er all diese wundervollen Dinge?
Fast ein Jahr lang lag sie Nächte lang wach und versuchte ihn zu definieren- und dann war alles in so kurzer Zeit gesagt?
Sie schluckte, war hilflos, fühlte Erleichterung. Doch was nun? Wie weiter?
Sie saß da und schaute in seine wunderschönen Augen. Alles war so verworren, so plötzlich…

Doch … es war nicht der richtige Zeitpunkt.
Nicht für ihn, nicht für sie. Zu viel war geschehen, zu viele Narben bedeckten beide Herzen.
Es darf nicht sein, das „Etwas“ zwischen ihnen.
Auch das wurde ihr in diesem Gespräch bewusst.
Wie zwei Teenager saßen sie in diesem Café. Die Dämmerung war längst vorbei.
Man sah den Mond durch die Scheiben.
Nervös spielte sie an ihrer Tasse Kaffee.

Der entscheidende Satz:
„Ich möchte dir keine falschen Hoffnungen machen.“ folgte aus seinem Mund.
Sie hatte damit gerechnet. Ihre Freude über seine Worte zuvor hielt trotzdem an.
Sie mochte ihn so sehr, so unendlich sehr. Sie hatten sich beide förmlich ausgezogen, ausgesprochen, alles gesagt was sie dachten.

Die Karten lagen auf dem Tisch,
doch weder er noch sie waren in der Lage das Spiel zu beginnen.
Zu nah saßen sie beieinander, zu viel war gesagt, unendlich war ihr Drang nach seiner Nähe.
Beiden war bewusst, dass der Abend hier enden musste und sie getrennte Wege gehen sollten. Alles andere wäre töricht, vielleicht, vielleicht auch unendlich schön…?


Diesen Beitrag schrieb ich zum Projekt .txt mit dem Wort „Unendlich“.
Einmal pro Monat wird ein Wort vorgegeben zu dem alle die möchten etwas schreiben können.
Vielleicht seid ihr dieses oder nächstes Mal auch dabei? Mehr Infos zum findet ihr hier.

Ältere Beiträge zum Projekt .txt
Du hast mich berührt Teil 1
Nächtelang Teil 2
Kitsch Teil 3
Neuanfang Teil 4
Splitter 
Glück 

Das könnte Dir auch gefallen . . .

29 Kommentare zu “Unendlich

  1. Liebe Jenny,
    das hast du ganz zauberhaft geschrieben.
    Ich wünsche dir noch eine tolle Woche und
    viele Grüße sendet dir
    Jana

  2. Ein toller Text, der mich gefangen nimmt, der mich mitfiebern und mitfühlen lässt. Ganz nach dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ wird gehofft, obwohl es allen Regeln der Vernunft widerspricht, ein nochmaliges Aufbäumen, ein letztes Aufzucken bis zum endgültigen Schluss. Trotzdem lässt das „Vielleicht“ dann nochmals alles offen…..
    Alles Liebe Gesa

  3. Hallo Jenny,
    dein Text hat mich berührt, und ich habe auch die anderen Teile gelesen. Ja, da hast du wirklich eine große Spannung aufgebaut! Mein Lieblingssatz in deinem Text ist übrigens dieser: „Sie mochte ihn so sehr, so unendlich sehr.“ Dieses „so unendlich sehr“ ist wunderschön formuliert!
    Liebe Grüße
    Maren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.