Lebensnah

Phantomschmerz – Fortsetzung

Fortsetzung
Irgendetwas, dieses Bauchgefühl, sagte ihr, dass sie das Schlachtfeld noch nicht verlassen sollte.
Jedoch waren seine Worte zu klar um es misszuverstehen.

Sie trafen sich kurz nach ihrem unausgefochtenem Kampf erneut, ohne über jegliche Gefühl zu sprechen. Auch ihre bewusst gewählt anziehende Bekleidung und Gestik schien ihn förmlich kalt zu lassen. Auch wenn sie seine Blicke in ihrem Rücken zu spüren schien, war seine Entscheidung gegen sie, eindeutig.

Darauf folgten einige Wochen der Funkstille, in denen sie mit sich haderte, schwer haderte. Sollte sie ihn kontaktieren? Oder doch besser dieses Spiel, welches Frauen immer…, wie hieß es noch mal? „Chasing game“ spielen?
Das war nicht ihr Charakter, sie war kein guter Spieler,den sie  besaß einen Rest Stolz, der sie dazu aufrief, in den Spiegel zu sehen uns sich zu ganz klar zu sagen: Frauen wie du haben es nicht nötig einem Mann hinterher zu laufen, vor allem nicht dann, wenn er in seinen Worten klar und deutlich war. Egal was ihr Bauchgefühl sagte.
Ab und zu vernahm sie Stiche, aber die Zeit heilte… bis zu jenem Tag als ihr Emailpostfach aufleuchtete… und der Phantomschmerz wieder auftauchte! Der Schmerz welcher ihr Herz zu zerreißen schien aber keine organische Ursache besaß.

 

shadownlight

Sie haben eine Email – von ihm – ein Fenster auf ihrem PC poppte auf… sie zögerte, drückte auf den Button löschen, jedoch in Sekundenschnelle stellte sie die Nachricht wieder her und las:
„Es tut mir leid, dass ich dich versetzt habe- darf ich dich auf einen Kaffee einladen?“
Da war er wieder, dieser stechende Schmerz, der nur in ihren Gefühlen existierte… in Windeseile erinnerte sie sich an die vergangenen Monate die so unendlich schön waren- in seinen Armen liegen, seinen Atem hören, ihm nah sein, mit ihm lachen…
wahrscheinlich antwortete sie viel zu schnell auf seine Mail – „let him chase you“- hallte es in ihrem Kopf – nein das konnte sie nicht!
“Gerne, Kaffee, wann, wo?“ antwortete sie.
Sie erhielt sofort eine Antwort und das Rad drehte sich erneut.

Sie zählte die Stunden bis zum nächsten Treffen, überlegte ganz genau was sie anziehen würde, aber ermahnte sich gleichermaßen in Deckung zu gehen. Sie wollte nicht erneut diese Stiche spüren, denn eigentlich wollte sie nur glücklich sein, mit ihm. Leichtigkeit leben… Obwohl… und auch das bedachte sie, er in diesen schweigenden Woche eine andere Frau kennen gelernt hatte… Ob sie noch aktuell war?

Der Abend des Treffens nahte. Sie entschied sich für den underdressed Look, denn entweder er würdigte ihre Person, oder er lies es bleiben. Sie wollte doch nur geliebt und angenommen werden, in all ihrer naiven Art in der es noch die Hoffnung auf echte Liebe gab.
Trotzdem stockte ihr Atmen als sie vor dem vereinbartem Treffpunkt, einer Bar, plötzlich vor ihm stand. Er sah… er war… ja er war… JA sie musste gestehen dass sie ihm immer noch verfallen war.
Ganz ruhig, atmen, cool bleiben…

Sie behielt ihre klare Stimme. Anfangs entschuldigte er sich, dass er sich nicht mehr gemeldet hatte, das habe sie gar nicht verdient, denn eigentlich wäre sie eine ganz tolle Frau. (bla bla bla- bleib auf dem Boden ermahnte sie sich). Mehr oder weniger Plauderei bis…
und nun war sie völlig platt, er sie erneut, und das gleich am Abend darauf, zum Essen einlud.
Sie biss sich auf die Lippen. Zum Essen… in ihrem Kopf schwirrten die Antworten von jaaaaaaaaaaa verdammt, jaaaaa, bis hin zu: nein bist du irre, vergiss es ganz schnell bevor es wieder schmerzt.
Doch sie konnte nicht absagen… hatte ihr Bauchgefühl doch Recht behalten?
Sie sah in seine Augen, versuchte nicht zu zwinkern geschweige denn aufgeregt zu wirken und sagte der Einladung zu.

Der Abend, bei einem Bier, war kurz und sie war irgendwie dankbar darüber, denn nun musste sie dringend nach Hause laufen, durch die Kälte, den Kopf frei bekommen und sehr genau überlegen wie der morgige Abend verlaufen könnte. Auch die Abschiedsumarmung nahm sie kaum wahr.
Auf dem Weg nach Hause spürte sie ihre Hände vor Kälte nicht mehr. Sie lief und lief, bis sie bemerkte, dass sie die Abbiegung zu ihrem zu Hause übersehen hatte. Wie konnte sie nur?

shadownlight

Was sollte sie morgen Abend tragen?
Was hatte er vor?
Warum war es ihm so wichtig die Zeit mit ihr zu verbringen?
Warum zum Essen?
Er hatte sich bereits entschuldigt! War sein Gewissen so angeknackst? Fragen über Fragen und keine Antwort.
Zu Hause angekommen legte sie die Hände auf die Heizung, tippelte von einem Fuß auf den Anderen und bemerkte, dass ihr Kopf leer war. Sie konnte nichts tun- genauso wenig wie die Wochen zuvor in der regelrechte Funkstille herrschte.

Am kommenden Abend stand sie im Badezimmer, wählte bewusst ein Outfit, das zum Anlass passte. Stiefel, ein Kleid, nicht zu overdressed, nicht zu viel Make up- wobei sie sich vor Nervosität zwei mal die Mascara in die Augen stach und heilfroh war, dass sie sich genügend Zeit genommen hatte!
Das gewählte Restaurant war nur 15 Minuten Gehweg von ihrer Wohnung entfernt. Diese Zeit nutzte sie um durchzuatmen und ihren Kopf frei zu bekommen. Sie entschied sich nicht viel zu fragen, sondern alles auf sich zukommen zu lassen. Er wusste genau was sie für ihn empfand. Nun war es an ihm.

Auch an diesem Abend sah er aus wie… ihr Herz schlug höher. Beim Essen blieben die Themen beim Alltag, kleine Scherze und Oberflächlichkeiten. Sie konnte ihn nicht ansehen, sah angestrengt auf ihren Teller und fragte sich, ob er sie beobachtete oder der Nachbartisch schon bereits ihre roten Wangen entdeckt hatte.
Er als er zahlte und fragte, ob sie den Rest des Abends bei ihm verbringen wolle, war sie heilfroh in diesem Moment nicht das Glas Wasser angesetzt zu haben.

shadownlight

Was jetzt? Oh my gosh!
Warum in aller Welt trug sie eine Strumpfhose die sie bis in die Hüften ziehen konnte?
Saß ihr Mascara noch?
Oh nein, sie hatte Socken in die Stiefel gezogen!
Wie sollte sie diese unbemerkt in den Schuhen lassen?
Sie krampfte ihre Hände zusammen, sah ihn standhaft in die Augen und antwortete mit einem knappen und versucht coolem Ton „warum nicht“.
Wie ein Gentleman reichte er ihr die Jacke. Natürlich verfehlte sie den Ärmel! So ein verdammter Mist aber auch, wenn das so weiter gehen würde, blamierte sie sich noch bis auf die Knochen.

Angekommen in seiner kleinen Wohnung dimmte er das Licht und schmiss etwas Musik in den CD Player. Er setzte sich neben sie, ohne Abstand und sah ihr in die Augen.
Es fielen persönliche Worte, tiefgründig, so tief, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.
Dieses andere Date stellte sich als Reinfall heraus- gut für sie, trotzdem wurde ihr bewusst, dass er eigentlich nicht wusste, wonach er eigentlich suchte. Diesen Gedanken schob sie in die letzte Ecke ihres Kopfes…
Sie schaffte es nicht ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Erst recht nicht, weil dieser verdammte Song im Hintergrund lief:

Time heals the wounded, but my heart still bleeds.
I can’t get you out of my life. Here is my
Confession: you’re all I need; I don’t want to
Love you

Die Strumpfhose- warum zum Henker hatte sie gerade diese gewählt? Immerhin schaffte sie es unbemerkt ihre Socken in den Stiefeln zu lassen.
Die versuchte Ablenkung in ihrem Kopf war sinnlos!

“Du siehst schön aus heute und es tut mir leid wenn ich dich verletzt habe“ sagte er, nahm ihre Hand, küsste ihre Lippen…
Sie wich zurück, verwirrt… sah in seine Augen die erneut diesen weichen, warmen Blick hatten, den sie so liebte und dann… stieg er wieder auf, der Phantomschmerz- der Schmerz den sie zu verspüren schien, wenn sie Angst hatte, vor dem, was geschah und geschehen würde.


Diesen Beitrag schrieb ich zum Projekt .txt mit dem Wort für den Oktober „Phantomschmerz“ .
Einmal pro Monat wird ein Wort vorgegeben, zu dem alle die möchten, etwas schreiben können.

Du hast mich berührt Teil 1
Nächtelang Teil 2
Kitsch Teil 3
Neuanfang Teil 4
Unendlich Teil 5
Hoffnungsschimmer Teil 6
Mischen Teil 7
Grenzenlos Teil 8
Radikal gescheitert Teil 9

Ältere Beiträge zum Projekt .txt

Selten
Splitter
Glück

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22 Kommentare zu “Phantomschmerz – Fortsetzung

  1. Oh, darin finde ich mich so wieder! Aber so was von! Hast du wirklich sehr schön geschrieben, deine Texte berühren mich jedes mal aufs neue.
    Liebe Grüße
    Maren

  2. Liebe Jenny, was hast du doch wieder für einen wunderbaren und genialen Text geschrieben – ich bin immer noch ganz fasziniert von deinen Worten. Es wird so toll zum Ausdruck gebracht, welche Angst vor Schmerzen, vor einer nochmaligen Verletzung, vor einer wiederholten Abweisung vorliegt und dies ist auch deutlich körperlich spürbar. Daneben wird aber doch auf ein Happy-End gewartet und die Hoffnung nicht aufgegeben – es wird sich zäh an eine Fortsetzung mit guten Abschluss geklammert. Danke für diesen tollen Text.
    Hab ein wunderbares Wochenende und alles Liebe

  3. Liebe Jenny,
    das sind wieder so schöne Worte. Deine Geschichten sind so emotional und immer wieder fesselnd. Und dieser Phantomschmerz ist etwas, was wir wohl alle irgendwie kennen…lieben Dank!

    Einen wundervollen 2. Advent,
    Doreen

  4. Liebe Jenny,

    ich frage mich schon eine ganze Weile, warum du nicht einen Literatur-Blog aufmachst. Du schreibst so wunderbar, so intensiv und so einfühlsam. Ich kann mich immer wieder in Situationen und Gefühle, die du beschreibst hineinversetzen. Besser kann es eine wirklich gute Schriftstellerin nicht machen. Ich bin total begeistert.
    Überlege es dir einmal.

    Liebe Grüße
    Sabine

    1. Liebe Sabine,
      danke für die Blumen!
      Ich glaube mir fehlt einfach die Zeit dazu. Ich nehme mir auch viel Zeit für einen solchen Beitrag, aber ich vermute, für einen Literaturblog fehlt mir noch eine ganze Menge mehr.
      Liebe Grüße!

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