Lebensnah

Nächtelang

Fortsetzung: Du hast mich berührt (Projekt .txt)

Sie ließ die Augen über die Zeilen wandern. Dieses Mal würde sie sie mailen, jetzt gleich, sofort.
Sie schloss den Laptop. Nein! Nicht jetzt, vielleicht morgen, vielleicht nie.

Die Email hatte sie im Entwurf gespeichert, mit all diesen Fragen, mit all diesen Gedanken und Gefühlen.
Sie konnte sich nicht überwinden sie los zusenden, dabei war es nur ein Klick. Doch sie hatte Angst, Angst vor der Antwort, Angst vor keiner Antwort und vor allem vor Angst vor dem was folgte.

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Nächtelang blieb sie wach, bis spät in die Nacht, starrte auf den Bildschirm ihres Tablets, wartete auf eine Message…
Herzrasen, Hektik, wenn der Ton von WhatsApp sie aus den Gedanken riss, sein Foto auf dem Bildschirm erschien und er ihre belanglosen Fragen beantwortete. Manchmal,… manchmal…? wartet sie darauf, dass er zuerst schrieb. Jedes geteilte Wort las sie dreimal bevor sie die Enter Taste drückte. Doch nie schrieb sie das, was sie wirklich bewegte.
Er lies es nicht zu!
Ab und zu tippte sie Andeutungen, zu oberflächlich! Ob er zwischen den Zeilen las? Sie schrieb und löschte, schrieb und löschte. Es gab so viel zu sagen und so viel zu erklären.
Angst, Angst vor der Antwort, Angst vor Enttäuschung, Angst vor dem was kommen würde, Angst vor sich selbst, Angst vor Verletzungen.

Nächtelang stellte sie sich die Frage was passieren würde, wenn sie ihm die Wahrheit sagt. Wälzte sich von einer Seite auf die Andere, träumte, wachte auf und starrte durch das Dachfenster in den Himmel. Manchmal liefen Tränen der Verzweiflung in ihr Kissen.
Was wäre wenn sie ihm all ihre Ängste, all die Peinlichkeiten, ihren Schmerz, ihre Pläne offenbaren würde? Persönlich! Den Emailentwurf löschte und …, Nein absurd!
Er würde sie … was würde er eigentlich…?
Nein, das steht völlig außer Frage. Persönlich- ihm dabei in die Augen sehen? Sie würde im Boden versinken, vor Scham. Auf gar keinen Fall, oder doch?

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Nächtelang malte sie sich diesen einen Moment aus, den Moment der Wahrheit, den Moment, der ihr Leben verändern könnte, den Moment der vielleicht alles löste oder zum Stillstand brachte und einen Scherbenhaufen hinterließ. Ihr Magen krampfte.
In ihren Gedanken saßen sie gemeinsam auf der Parkbank, zueinander gewandt.
Sie sah in seine Augen- … nein, das könnte sie nicht!
Sie musste- … sie hielt seinem prüfenden Blicken stand. Ihre Finger spielten nervös an ihrem Pullover und dann…
Sie sagte nichts… beugte sich zu ihm und ihre Lippen kamen seinen näher…

Nächtelang stoppte dieser Moment genau hier…
An dieser Stelle gab es nur zwei Wege. Er würde es geschehen lassen oder…
Sie hatte Angst, Angst vor dem was kommen würde.
Wie lange konnte sie diesen Zustand noch ertragen?
Wann würde der Moment der Wahrheit, der Entscheidung, sein?
Was genau ist es, was sie empfand?
Würde ein Kuss, ein einziger Kuss, die Wahrheit sprechen?
Würde sie vielleicht gar nichts dabei empfinden?

Nein! Ihre Träume sind von Narrheit geprägt. Es würde nicht passieren, nicht jetzt, nicht morgen, vielleicht nie.

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Diesen Beitrag schrieb ich zum Projekt .txt mit dem Wort „nächtelang“.
Einmal pro Monat wird ein Wort vorgegeben zu dem alle die möchten etwas schreiben können.
Vielleicht seid ihr dieses oder nächstes Mal auch dabei? Mehr Infos zum Projekt .txt findet ihr hier.

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44 thoughts on “Nächtelang

  1. Jenny, danke für diesen wunderschönen Text.
    Ich möchte mich für deine lieben Kommentare
    bei mir bedanken.
    Einen schönen Restsonntag wünscht dir
    Irmi

  2. Eine schöne und sicherlich auch herausfordernde Idee zu einem vorgegebenen Wort einen Text zu schreiben. Ich glaube das wäre für mich echt eine große Herausforderung…!

    Und in dem Text findet sich auf die ein oder andere Weise sicherlich jeder wieder!

    1. Liebe Christine,
      danke für deine Worte. Ja es ist tatsächlich eine Herausforderung und ich glaube, mein gewähltes Ereignis: ja das kennt wohl jeder auf seine Art irgendwie.

  3. Das is wirklich klasse, für lau is die Bahn glatt erträglich 😀

    Wieder ein sehr interessanter Post, schön geschrieben.
    Das mit dem nächtelangen Denken kennt glaube ich eh jeder 😀
    Liebe Grüße

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