Lebensnah

Ist die Existenz der freiberuflichen Hebammen bedroht?

Das Thema ist so präsent wie noch nie. Stehen unsere freiberuflichen Hebammen vor der Arbeitslosigkeit?
Schon jetzt zahlen die freiberuflichen Hebammen 5000 Euro jährlich für ihre Haftpflichtversicherung, doch ab Juli 2015 will die Nürnberger Versicherung aussteigen. Das würde bedeuten:
Freiberufliche Hebammen stehen vor dem Aus.

Warum ist eine Haftpflichtversicherung wichtig?
Die Geburten stellen ein hohes Risiko für eventuelle Versicherungsfälle dar. Geht bei einer Geburt etwas schief tritt die Versicherung ein. Die Kosten für einen Schadensfall sind enorm gestiegen, ob medizinisch, pflegerisch oder sozial, zudem kommen die möglichen Anwaltskosten für die die Versicherung eintritt.
Möchte eine Hebamme eine Geburt begleiten, muss sie die Haftpflichtversicherung vorweisen.

Was ist die Aufgabe freiberuflicher Hebammen?
Sie begleiten die Schwangeren Frauen schon vor der Geburt, bei der Geburt und nach der Geburt.
Dazu zählen die Vorsorge, die Kurse und die Nachsorge, die viele Frauen in Anspruch nehmen.
Jede fünfte Geburt in Deutschland wir mittlerweile von einer freiberuflichen Hebamme in Krankhäusern, Geburtshäusern oder auch bei Hausgeburten begleitet.

Wie sieht der Arbeitsalltag einer freiberuflichen Hebamme aus?
Dazu kann ich hautnah berichten. Meine Mutter, ist seit 1976 Hebamme und hat ca. 4700 Geburten begleitet. Nach 38 Berufsjahren entbindet sie mittlerweile Frauen, die sie schon selber auf die Welt geholt hat.
Schwangere Frauen erhalten eine rundum Betreuung. Geburtsvorbereitung, Entbindung bis hin zur Nachsorge, Babymassage, Rückbildungskurse, Babyschwimmen und individueller Beratung.
Eine enge Zusammenarbeit mit Gynäkologen und Ärzten ist selbstverständlich.

Hebammen nehmen sich Zeit für die werdenden Mütter und Väter, betreuen sie mit aller Kraft auch nach der Geburt. Hebammen sind einfühlsam und stehen mit Rat und Tat zur Seite. Emotionen, Freude, aber auch manchmal Leid, sind der Alltag einer Hebamme.

Ein 12-16 Stunden Tag ist für meine Mutter nichts Außergewöhnliches, dazu kommen die ständigen Rufbereitschaften und die ganze Bürokratie.
Was viele nicht wissen: freiberufliche Hebammen rechnen ihre Leistungen, die immer mehr gekürzt werden, mit den einzelnen Krankenkassen ab. Eine Software erleichtert das eingeben der ausgeführten Leistungen, aber…, die Leistungen müssen in Papierform mit Unterschriften der betreuten Frauen an die Krankenkassen geschickt werden, die Kopien müssen für einen bestimmten Zeitraum bei den Hebammen aufbewahrt werden. Insgesamt zahlen die Hebammen hier die Kosten für die Software, das Papier, die Druckerpatronen sowie das Porto aus eigener Tasche.
Damit nicht genug! Wenn ich jetzt bedenke, dass die freiberuflichen Hebammen den höchsten Steuersatz auf erbrachte Leistungen zahlen und noch zusätzlich Ihre private Renten-Haftpflicht- und Krankenversicherung zahlen, dann frage ich mich: wie viel verdient eine Hebamme wirklich? 2010 betrug der Stundenlohn 7,50 Euro.

Mal abgesehen vom Verdienst einer Hebamme sagt meine Mutter:
„Ich liebe meinen Beruf und ich möchte auf die Geburten nicht verzichten.“ Aber was passiert, wenn es keine Haftpflichtversicherung mehr gibt? Werden unsere Hebammen arbeitslos?

hebamme


Tochter einer Hebamme zu sein…

Schon seit Kind auf war ich stolz darauf sagen zu können: Meine Mutti ist Hebamme. Ein toller Beruf, sie darf die Babys aus dem Bauch holen und anschließend den frisch gebackenen Eltern zeigen wie man die Babys füttert, badet und vieles mehr. Je älter ich wurde desto mehr wurde mir bewusst welche Anstrengung dieser Beruf mit sich bringt. Wie oft habe ich meine Mutter tagelang nicht gesehen, da sie im Kreißsaal war, tagsüber schlief und oder ihre Kurse betreute. Oftmals hörte ich sie mitten in der Nacht wegfahren, weil eine Frau Betreuung benötigte. Wie oft wurde sie telefonisch kontaktiert wenn wir als Familie beisammen saßen und wie oft musste sie uns verlassen um den Frauen und Babys zu helfen.
Ich habe es nie als negativ empfunden, weil ich schon immer verstand wie wichtig der Beruf ist und wie viele Mütter oder werdende Mütter auf ihre Hilfe angewiesen sind, was mich stolz sagen lässt: Meine Mutter ist einfach mit Herzblut Hebamme!

Des Öfteren sitzt sie noch spät abends vor dem Computer um alle Leistungen zu notieren, wichtige Emails zu beantworten oder Formulare auszufüllen. So kann ich bestätigen, dass der Arbeitstag einer Hebamme keine 8 Stunden, sondern tatsächlich 12-16 Stunden beträgt.
Was uns als Familie betrifft: natürlich wünschen wir uns, dass meine Mutter auch an Feiertagen mit uns zusammen sein könnte, das wir ein Abendessen ohne Telefonate zusammen verbringen könnten, aber wir haben verstanden wie wichtig der Beruf ist und sind stolz auf meine Mutter.

Ein weiterer Höhepunkt war die Geburt meines Neffen. Stellt euch vor: Meine Mutter hat meine Schwester entbunden und ich war hautnah dabei. Und meine Mutter als Hebamme blieb professionell, bis der kleine Joshua das Licht der Welt erblickte. Auch dann untersuchte, badete und kleidete sie den kleinen Mann ohne ihre eigentliche Arbeit vor Emotionen aus den Augen zu verlieren. Erst als die Arbeit getan war liefen ihr die Freudentränen.

Ich könnte ewig so fortfahren, aber ich denke, jede Mutter kann meine Zeilen nachempfinden und ich bin mir sicher, dass ihr wisst wie wichtig Hebammen für Mütter, Kinder und Väter sind.
Sie sind unentbehrlich!

Doch wie können wir helfen? Was können wir tun, damit uns die freiberuflichen Hebammen erhalten bleiben?

Dazu habe ich euch zwei Links eingebunden:

Hier findet ihr die aktuellen Aktionen der Hebammen:
http://www.hebammenverband.de/aktuell/aktionen

Hier könnt ihr euch an der Petition: Retten sie unsere Hebammen beteiligen.
http://www.change.org/de/Petitionen/lieber-herr-gr%C3%B6he-retten-sie-unsere-hebammen

Ich danke euch für das aufmerksame Lesen meines Artikels und ich hoffe, dass ich auf eure Unterstützung zählen kann.

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27 Kommentare zu “Ist die Existenz der freiberuflichen Hebammen bedroht?

  1. Ich sehe das wie du:
    Hebammen sind so wichtig für Schwangere und junge Mütter. Sie haben Zeit, sie hören zu und sie nehmen die Probleme, die man hat, ernst. Deswegen sind sie einfach so wertvoll. Sie sind uns vertraut, sie kennen unsere Sorgen und Probleme, die wir in der Schwangerschaft hatten und auch danach.
    Selbst habe ich ja 3 und war immer zufrieden mit meinen. Gerne beteilige ich mich an der Petition!

  2. Super,vor allem auch persönlicher Bericht dadurch das du so ah am geschehen dran bist!Ist sehr lesenswert und offenbart Dinge die man so nicht wusste!
    Hoffentlich endet alles im positiven,so das es die Hebammen noch ewig geben wird!

    Liebe Grüsse,
    Bianca

  3. Hallo Jenny, sehr schön geschrieben. Ich bin da voll bei dir und kann das ganz was da passiert nicht nach vollziehen. Ich habe gern unterschrieben und bin gespannt was da raus kommt.
    herzliche Grüße zahnfeee

  4. Ein super Bericht und absolut wahr. Ich könnte mir eine Schwangerschaft oder auch eine Geburt nicht mehr ohne eigene Hebamme vorstellen. Ist einfach ganz anders, als ohne… deswegen werde ich mit unterstützen und hoffen, dass Hebammen noch viele Frauen weiter durch die Schwangeschaften begleiten werden.
    gglg Jenny

  5. Liebe Jenny,
    es ist gut, dass du so ausführlich und informativ auf diese Misere aufmerksam machst. Ich habe mich vor zwei Jahren, da gab es schon mal einen Aufruf eingetragen und bekomme seitdem alle Informationen.
    Ich hoffe nur, dass es genug Unterschriften gibt und die Hebammen so weitermachen können wie bisher. Wie sollte es ohne sie gehen?
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

  6. Ich hatte bei der Geburt meines Kleinen auch eine wunderbare Vollblut-Hebamme!
    Da hast du einen tollen und wirklich wichtigen Artikel geschrieben!
    Werde ich gerne unterstützen!!!
    LG Diana

  7. Ein wunderbares und aufrüttelndes Posting. Ich werde nochmal im nächsten Wochenrückblick darauf hinweisen. Das Thema darf man wirklich nicht aus dem Auge verlieren.

    LG

  8. Hallo Jenny , sehr gerne habe ich die Petition unterschrieben.
    Ich hoffe sehr , dass es ein Erfolg wird und die Hebammen in Ruhe und ohne finanzielle Sorgen , ihre verantwortungsvolle Arbeit , fort führen können.
    Lg Renate (stolze Großmutter)

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