Lebensnah

Grenzenlos

Der Tag der Geschäftsreise war gekommen. Sie war nicht mehr nervös, denn irgendetwas hatte sich seit ein paar Tagen an seinem Verhalten geändert.
Instinkt? Selbstschutz?
Ob ihr Bauchgefühl richtig war würde sich bald herausstellen, dessen war sie sich ganz bewusst.
Immerhin sprach er weniger mit ihr und sein Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. Zumindest hatte sie den Eindruck.

Die Grenzenlosigkeit des Auf und Abs musste ganz klar eingeschränkt werden. Sie war kein Spielball, sie hatte Gefühle und nach der ganzen langen Zeit der schlaflosen Nächte konnte sie sich keine Gedanken mehr um das „was wäre wenn“ machen.
Zu sehr zehrte es an ihren Nerven und der Energie. Glücklicherweise war sie in der Lage hier eine klare Linie zu ziehen, warum auch immer es ihr gelang… vielleicht weil sie sich fest vorgenommen hatte dem ganzen Desaster eine klare Struktur zu geben. Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder oder… und das galt es herauszufinden.

Der Flug war kurz und erträglich, auch das neben ihm Sitzen fiel ihr nicht sonderlich schwer. Sein Verhalten zeigte sich weiterhin zurückgezogen und nachdenklicher und sie glaubte, dass ihr Instinkt nicht mehr log. Innerlich befasste sie sich mit den Dingen die sie sagen und klar stellen wollte. Der Kloß im Hals quälte sie, jedoch konnte es so nicht weiter gehen.
Die endlosen Gespräche über Narben und Probleme. Sie hatte zugehört, war für ihn da gewesen, so wie er auch für sie. Die Freundschaft zu ihm wollte sie keinesfalls nicht verlieren, aber über das Drumherum musste dringend eine Wende nehmen.

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Neben den ganzen Schulungen die sich besuchen mussten, suchte sie sich einen Abend heraus an dem sie ihn zu einem Drink einlud.
Glücklicherweise nahm er die Einladung an. Trotz ihres eigenartigen Gefühles verbrachte sie sehr viel Zeit vor dem Spiegel und holte aus sich das Beste heraus.
Sie hatte mittlerweile ein reifes Alter erreicht und einige schmerzhafte Erfahrungen machen müssen. Gelernt, geweint, vernarbt und stärker geworden, wenn auch immer noch emotional. Erinnerungen an vergangene Situationen kamen in ihr hoch.
Mittlerweile sah sie in den letzten Monaten ein unüberschaubares Gefühlschaos das maßlos ausgedehnt wurde.
Sie erinnerte sich an die Aussagen im Café die definitiv Komplimente waren und sie hoffen ließen, an Sätze wie:
„Ich bin mir noch nicht mal sehr sicher über die Ebene, aber du bist nah dran.“
und an andere kleinere Dinge, die sie bis vor ein paar Tagen im Glauben ließen, dass es ein Versuch zwischen ihnen Wert wäre.

Doch irgendetwas hatte sich verändert. Eigentlich wollte sie keine Bedingungslosigkeit, sie hatte ihn nie um eine Beziehung gebeten- letztendlich nur um eine Chance herausfinden zu dürfen, was dieses Gefühl ist.
Heute hatte sie „nur“ noch ihren Stolz zu verlieren. Sein Ego wurde in den letzten Monaten gründlich von ihr gepuscht. Viel Zeit hatte sie damit verbracht sich mit ihm zu befassen. Das ganze Flirten war unüberschaubar geworden und hatte einen Punkt erreicht, an dem jeder Mensch die Initiative ergriffen hätte- sei es Flucht oder der Weg ins Schlafzimmer.

Obwohl einige Dinge ganz klar waren:
Wenn Flucht: dann Kontaktabbruch und das Kündigen der Arbeitsstelle, oder Schlafzimmer…. Oder eben doch eine Freundschaft auf ewig?
Sie warf ihre Mascara in die Ecke- ein wenig Wut stieg in ihr auf. Der Gedanke an die doch so einfache Lösung stieß ihr auf. Was war bloß los mit diesem Mann? Leichter würde es nicht werden- aber ein Weg musste gegangen werden, sonst würde es irgendwann schmerzen.

Auf dem Weg zur Bar hob sie ihr Kinn- für sie war es der entscheidende Abend.
Natürlich war er pünktlich, etwas, was sie sehr in ihm mochte. Er sah umwerfend aus. Ihr Kinn senkte sich, nun war sie nervös, auch der erste Drink machte die Situation nicht einfacher.
Sein Verhalten glich dem der letzten Tage- distanzierter- nachdenklicher- irgendetwas stimmte nicht.
Geplauder über Geschäfte und Schulungen, mehr oder weniger bla bla bis zu dem Punkt, an dem sie mit der Sprache heraus rückte, klar und offen:
„Ich möchte nicht mehr brav bleiben, ich möchte wissen was ich für dich empfinde, möchte dich einmal küssen dürfen…. Bedingungslos… ohne Wertung, ohne Verpflichtungen.
Wie dämlich kam sie sich vor. Auch der Alkohol machte die Sache nicht leichter.

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Da war er wieder, dieser Blick, der Blick der alles zerstören wollte was mit Gefühlen in Verbindung gebracht werden konnte. Sie stocherte weiter…
Ein Dritter war im Bunde- jemand die sich um ihn bemühte. Hah- ihr Instinkt hatte wohl Recht. War er deshalb so anders?
War sie nur ein Spielzeug das ausgetauscht werden würde, oder war sie langweilig geworden?
Flirten, Ego aufbauen- ja bitte- aber mehr nicht?!
Fein! Sie war wohl nicht fraulich genug? Oder war sie zu offen? Waren die Umstände zu schwierig? Wusste sie zu viel über ihn? Wusste er zu viel über sie?
Der Schlimmste, jedoch entscheidende Punkt: Würde er gerade lieber mit ihr den Drink trinken?

Sie musste nicht weiter aufgeklärt werden. Sie hatte alles gehört: „Da wird nichts zwischen uns passieren.“ Punkt, Schluss, Ende aus.
Ihr liefen die Tränen über die Wangen. Peinlich, sehr peinlich berührt wischte sie diese vom Gesicht. Auch wenn sein Blick weicher wurde, sie war es, die sich unendlich nackt gemacht hatte, wobei sie ihre Gefühle zu ihm noch nicht einmal… wie nannte er es?… nicht sicher über die Ebene sein?!, benennen konnte.

Es war alles gesagt. Nach all diesen Monaten war sie diejenige die sich bloß gestellt hatte.
Ein wenig fühlte sie sich wie Bridget Jones- Menschen mit verletzten Gefühlen schützen zu wollen und sich dabei selber wehtun. Der arme Mann!
Nein- auch wenn der die das Dritte die gleichen Worte wie sie zu hören bekommen sollte, was ihr Instinkt jedoch auch sehr zu bezweifeln wagte, an diesem Punkt war Schicht im Schacht.
Hach die andere… ich wollte ja… aber nein… mit ihr ist alles viel einfacher, leichter… auch irgendwie verständlich.

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Mittlerweile liefen die Tränen unaufhörlich.
Das Gespräch war beendet, die Entscheidung gefallen: Leck mich am Arsch. So viele Optionen hatte sie geboten, so viel Vertrauen geschenkt, Geheimnisse anvertraut, tiefste Emotionen geteilt…. Nein es war keine Liebe die sie für ihn empfand, aber er war mehr als ein Kollege für sie.
Die Umarmung blieb aus, stattdessen war Kühle zu spüren, Abwehr…

Sie ging auf ihr Zimmer. Unzählige Sprüche gingen ihr durch den Kopf:
Es liegt nicht an dir!
Du bist toll, aber…
Du gefällst mir, aber…
Ich mag dich, aber…
Du bist nicht Schuld an meinen Verletzungen und meiner Entscheidung, aber…
Wir können gute Freunde bleiben, …
War er am Ende genau der Typ Mann, der sich heilen ließ, flirtete, sein Ego aufbauen lässt und dann eine andere heiratet- so wie bei Bridget Jones, oder so ähnlich.
Die Tränen rollten unaufhörlich. Ihre Ehre, ihr Stolz waren verletzt, abgrundtief verletzt.

Nein, sie konnte die Garantie nicht geben, dass einer von beiden schmerzlos aus einem Versuch herausgehen würde. Ja, ihm hätte längst bewusst sein sollen was sie fühlte, wenn er ihren Worten gefolgt und ihre Emails gelesen hätte- dann hätte er auch verstanden, dass sie keine Forderungen oder Verpflichtungen forderte. Lediglich die Klarheit über die Gefühle wollte…
Egal, Scheiß egal- viel schlimmer war nun die Frage wie es weiter gehen würde.

Monate lang, Nächte lang, Worte, leere Worte, viel sagende Worte, …, sie hatte auf nichts hingearbeitet, es war einfach so wie es war, es war einfach da, einfach gekommen… grenzenlos schien ihr alles wieder und wieder durch den Kopf zu schwirren.
Wie weiter? War alles, was sie ausgetauscht hatten von jetzt auf gleich gelöscht und unbedeutend?
Arschlecken ehrlich!

Der Rückflug war beklemmend. Sie saß neben ihm und nahm einen Drink nach dem anderen. Sie schaute ihn nicht an wenn er mit ihr sprach.
Auch die darauf folgenden Tage erschienen ihr grenzenlos unerträglich. Er ignorierte sie, kein Blick auf dem Flur, keine SMS, keine E-Mail, auf Fragen reagierte er kurz und knapp.
Das wars? Okay- dann nur Kollegen, das Wissen über einander ausblenden, weiter machen, Fresse halten, nicht mehr interessiert fragen wie es ihm geht, ausblenden, von heute auf morgen?!
Okay, prima… ob sie das konnte, nach all dem Austausch?

Erstaunlicherweise verging der Schmerz sehr schnell. Immerhin war auch Funkstille.
Sie hatte registriert, dass ihr Platz in seinem Leben von jetzt auf gleich nicht mehr den Stellenwert hatte wie in den letzten Monaten. Diese Erkenntnis machte es viel einfacher, denn eines hatte sie in ihrem Leben gelernt: Einen gesunden Stolz braucht jeder Mensch… und den hatte sie!

In ihrer Selbsterkenntnis, völlig klar, erstaunlich klar, fast zeitgleich, meldete sich ein alter Freund bei ihr und lud sie zum Essen ein…

 


Diesen Beitrag schrieb ich zum Projekt .txt mit dem Wort für den Mai „grenzenlos“ .
Einmal pro Monat wird ein Wort vorgegeben zu dem alle die möchten etwas schreiben können.

Ältere Beiträge zum Projekt .txt
Du hast mich berührt Teil 1
Nächtelang Teil 2
Kitsch Teil 3
Neuanfang Teil 4
Unendlich Teil 5
Hoffnungsschimmer Teil 6
Mischen Teil 7

Splitter
Glück

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24 Kommentare zu “Grenzenlos

  1. Oh… was für ein toller Text!
    Deine Protagonistin ist selbst in ihrem Elend so stark und stolz – eine tolle Figur. Ich glaube, in der beschriebenen Situation waren wir alle schonmal, die Chance des „nicht gewollt werdens“ ist bei neuen Bekanntschaften und eventuellen Liebschaften ja leider immer gegeben… aber es kommt wirklich drauf an, wie man damit umgeht, und was man für sich daraus ziehen und lernen kann!
    Grüße
    Nessa
    https://ichdupasst.blog

    1. Liebe Nessa,
      das hast du schön geschrieben. Ich denke auch, dass diese Situation jeder einmal kennen lernen musste, aber das genau diese uns stärker machen :).
      Liebe Grüße!

  2. Liebe Jenny, wow, wie wunderbar du das geschrieben hast. Ich war schon ganz gespannt, wie die Serie weitergeht und habe mich total gefreut, als ich heute deinen Beitrag gelesen habe. Es ist einfach toll, wie wir die Entwicklung deiner „Heldin“ miterleben dürfen, wie sie von Selbstzweifel geplant ist, wie sie Entscheidungen verwirft, wieder neue Hoffnungen aufleben lässt und schließlich vor den Trümmern steht. Es ist dabei total schön zu lesen, wie sie dennoch an ihrem Selbstwertgefühl festhält und mit gesundem Stolz die Angelegenheit abschließen kann.
    Ich wünsche dir noch einen wunderbaren Tag und alles, alles Liebe

  3. Fein, es ist wieder ein Monat vergangen und Zeit für eine Fortsetzung. Habe wieder mit Spannung gelesen und mitgefiebert. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass du (nahezu) keine Dialoge verwendest – und trotzdem oder gerade deswegen ist es spannend. Wow! Ich freue mich schon auf den nächsten Teil!
    Liebe Grüße an dich!

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