Lebensnah

Du hast mich berührt

Ihre Blicke wanderten durch den Raum, dann zurück zu ihrem Buch. Eine weitere Seite hatte sie gelesen ohne ein Wort davon aufzunehmen. Die Buchstaben tangierten sie nicht. Ihr war es egal wer den Mordfall aufklärte und wie der Kommissar hieß, denn ihre Gedanken kreisten nur um ihn.
Das musste aufhören. Sie erhob sich von ihrem Sofa, zog ihre Schuhe an, warf sich die Jacke über und verlies das Haus.

Es hatte aufgehört zu regnen. Die Sonne warf schwermütig die letzen Strahlen des Tages durch den noch leicht mit Wolken behangenen Himmel. Sie lief zum nahe gelegenen Wald. Es roch nach nassem Moos. Sie wich den Pfützen und atmete tief ein und aus. So ist es gut dachte sie sich und lief weiter.
Würde sie heute Abend kochen oder eine Pizza bestellen und danach vielleicht noch ins Kino gehen? Oder sollte sie eine Freundin besuchen, eine Flasche Wein mitnehmen? Ihre Gedanken kreisten und sie lief und lief…

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Plötzlich erstarrte sie. Wie angewurzelt stand sie vor einer Bank, vor „der“ Bank.
Ihre Füße wollten nicht weiter laufen. Sie lies es erneut zu. Die Gedanken an ihn.
Unbewusst war sie zu dieser Bank spaziert und musste es nun ertragen.
Hier hatten sie gemeinsam gesessen, lange ist es her, und über Gott und die Welt gesprochen, sich ihre Lebensgeschichten erzählt.
Ab und zu erhaschte sie den einen oder anderen Blick in seine Augen. Sein Leben tangierte sie, mehr als sie es jemals zugeben würde.
Sie war nicht überrascht, als ihr Wunsch nach seiner Nähe stärker wurde… nur einmal seine Hand berühren, nur einmal seine Lippen auf den ihren spüren.

Sie wusste nicht wie lange sie dort gestanden hatte. Ihr Körper zitterte, vor Kälte, vor Sehnsucht?
Sie musste gehen, es dämmerte, die Gedanken weit von sich schieben.
Zu Hause angekommen nahm sie sich erneut ihr Buch zur Hand. Wer war nun der Mörder?
Um sie herum, Stille, Einsamkeit.
Es ließ sie nicht kalt, er lies sie nicht los. Sie legte ihr Buch erneut zu Seite, öffnete ihren Laptop und begann zu schreiben, einen Brief, an ihn.

„Warum nur?“ Weil sich ein Punkt in unserem Leben tangiert? Weil es der Punkt ist, der uns beide bewegt oder gar verbindet? Oder sind es vielleicht mehrere? Wovor läufst du weg? Wovor hast du Angst?
Du hast mich berührt. Du stößt mich davon. Du rufst mich zurück. Du bist da und du bist weg.
Es setzt mir zu, es geht mir nahe, es tut mir weh.
Wie viel Zeit brauchst du noch? Oder willst du dich nie entscheiden? Kein Ja, kein Nein. Irgendetwas. Nur was?“

Dieses Mal würde sie nicht überlegen, nicht nachgeben. Er hatte einen Platz in ihrem Leben eingenommen, sie beeinflusst, sie berührt.
Sie ließ die Augen über die Zeilen wandern. Dieses Mal würde sie sie mailen, jetzt gleich, sofort.
Sie schloss den Laptop. Nein! Nicht jetzt, vielleicht morgen, vielleicht nie.


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30 Kommentare zu “Du hast mich berührt

  1. Hey dankeschön, freut mich dass sie dir auch gefallen =)

    Ein wirklich interessanter Post, ein toller Text.
    Wenn man jemanden etwas sagen möchte, sollte man dies tun, nicht den Laptop zuklappen *lach*.
    Liebe Grüße und ebenfalls ein schönes Wochenende

  2. Oh, das hast du so packend geschrieben! Bin tief beeindruckt. Ich dachte zuerst, du zitierst eine Buchempfehlung – bis ich gemerkt habe, dass du den Text selber geschrieben hast. Toll!

    Liebe Grüße
    Anja

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